Das unbeschriebene Blatt

Ein Schreiber setzt seine Feder auf ein helles, fast leeres Blatt, neben dem eine kleine gezeichnete Blüte liegt.

Ein neuer Anfang verlangt nicht, dass wir schon wissen, wie die ganze Geschichte ausgehen wird.

Ein Schreiber war für seine sorgfältigen Bücher bekannt. Jeder Buchstabe saß an seinem Platz, jede Seite war gleichmäßig gefüllt. Doch eines Morgens blieb seine Feder über einem neuen Blatt stehen.

Er hatte einen Fehler in seinem letzten Buch entdeckt. Niemand sonst hatte ihn bemerkt, aber seitdem traute er keinem ersten Satz mehr. Er entwarf ihn im Kopf, verwarf ihn und begann von vorn, ohne die Feder abzusetzen.

Seine junge Gehilfin beobachtete ihn. Schließlich nahm sie ein Reststück Papier und malte einen kleinen krummen Kreis darauf.

„Was soll das sein?“, fragte der Schreiber.

„Der Anfang“, sagte sie. „Mehr weiß ich noch nicht.“

Sie ergänzte eine Linie, dann ein Blatt und schließlich einen Zweig. Der Kreis wurde zur Mitte einer Blüte. Nicht jede Linie war gerade. Trotzdem entstand etwas, das vorher nicht da gewesen war.

Der Schreiber betrachtete sein leeres Blatt. Er verstand, dass er versucht hatte, den ersten Satz erst dann zu schreiben, wenn das ganze Buch bereits vollkommen in ihm existierte. Doch ein Buch konnte nur Seite für Seite entstehen.

Er setzte die Feder an. Der erste Satz war nicht der beste, den er je geschrieben hatte. Später würde er ihn verändern. Aber er öffnete die Tür zum zweiten Satz.

Ein Anfang ist kein Versprechen von Perfektion. Er ist eine Erlaubnis, sichtbar zu machen, was sich unterwegs entwickeln darf.

Ein Impuls für dich

Wo könnte heute ein ehrlicher erster Satz genügen, statt auf die perfekte ganze Geschichte zu warten?

Eigenständiger Chamyli-Text.


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