Die Laterne im Fenster

Ein kleines Licht löst nicht jede Dunkelheit – aber es kann einem Menschen zeigen, dass er nicht allein unterwegs ist.
In einem Dorf am Rand eines weiten Moores stand das Haus einer alten Schneiderin. Wenn Nebel aufzog, stellte sie am Abend eine Laterne in ihr Fenster.
Die Nachbarn wunderten sich darüber. „Der Weg führt doch nicht direkt an deinem Haus vorbei“, sagte der Bäcker. „Wem soll dieses kleine Licht helfen?“
Die Schneiderin zuckte mit den Schultern. „Vielleicht niemandem. Vielleicht jemandem, den ich nicht kenne.“
Eines kalten Abends verirrte sich ein junger Händler im Moor. Der Nebel hatte alle vertrauten Linien verschluckt. Er blieb stehen, weil jeder weitere Schritt ihn tiefer auf den nassen Boden führen konnte. In der Ferne sah er schließlich einen warmen Punkt.
Er ging langsam auf das Licht zu und erreichte das Dorf. Die Schneiderin öffnete ihm die Tür, gab ihm Tee und zeigte ihm am nächsten Morgen den sicheren Weg.
Als die Nachbarn davon hörten, stellten auch sie Laternen in ihre Fenster. Nicht jede wurde jemals von einem Verirrten gesehen. Manche leuchteten nur in einen stillen Abend hinein.
Doch das Dorf veränderte sich. Die Menschen begannen einander häufiger zu fragen, wer gerade Orientierung brauchen könnte. Ein Topf Suppe fand seinen Weg zu einer kranken Nachbarin. Ein Schüler bekam Hilfe bei einer Aufgabe. Ein alter Mann musste seinen Einkauf nicht mehr allein tragen.
Wir erfahren nicht immer, wen eine freundliche Geste erreicht. Ihr Wert hängt nicht davon ab, ob sie gesehen, gelobt oder erwidert wird. Manchmal ist sie einfach eine Laterne im Fenster: klein, verlässlich und bereit.
Ein Impuls für dich
Welche kleine Laterne könntest du heute für einen anderen Menschen ins Fenster stellen?
Eigenständiger Chamyli-Text.
