Der Tonkrug im Regen

Manchmal besteht unsere Aufgabe nicht darin, noch mehr zu leisten, sondern etwas Gutes überhaupt anzunehmen.
Eine Töpferin stellte jeden Morgen einen leeren Tonkrug vor ihre Werkstatt. Die Leute glaubten, er diene als Dekoration. Doch sobald Wolken aufzogen, schob sie ihn ein Stück unter die Dachrinne.
Ein Lehrling fragte sie: „Warum füllst du ihn nicht einfach am Brunnen? Dann müsstest du nicht auf Regen warten.“
„Am Brunnen hole ich das Wasser, das ich brauche“, sagte sie. „Dieser Krug erinnert mich an etwas anderes.“
Nach einem langen trockenen Sommer kam endlich Regen. Das Wasser trommelte auf die Dächer, rann durch die Rinne und füllte den Krug. Die Töpferin stellte ihn in die Werkstatt und goss damit eine kleine Pflanze, die sie beinahe aufgegeben hatte.
„Siehst du“, sagte der Lehrling, „du hast doch wieder etwas mit dem Wasser getan.“
Die Töpferin lächelte. „Ja. Aber zuerst musste der Krug offen und leer genug sein, um es zu empfangen.“
Der Lehrling dachte an seine Tage. Er füllte jede freie Stunde mit Aufgaben. Wenn jemand ihm helfen wollte, sagte er, es gehe schon. Wenn ihn jemand lobte, erklärte er sofort, warum es nicht der Rede wert sei.
Am nächsten Morgen stellte er einen zweiten kleinen Krug neben den ersten. Nicht um auf ein Wunder zu warten, sondern um sich daran zu erinnern, dass Geben und Empfangen zusammengehören.
Offenheit ist keine Passivität. Manchmal ist sie die bewusste Entscheidung, nicht jede Hilfe abzuwehren und nicht jeden guten Moment sofort mit der nächsten Aufgabe zu überdecken.
Ein Impuls für dich
Was Gutes dürftest du heute annehmen, ohne es sofort verdienen oder zurückgeben zu müssen?
Eigenständiger Chamyli-Text.
